„Look Up“ – to get safe across the street

Wie viele Paare sich in den letzten Wochen nicht gefunden haben, weil sie auf ihrem Smartphone den YouTube-Clip von Gary Turk „Look Up“ angesehen haben, darüber kann nur spekuliert werden. Angesichts der Botschaft des Videos sind sie vermutlich als Kollateralschaden anzusehen.

Die Mission: die Generation Smartphone wachrütteln und aus der digitalen Isolation retten. Laut Gary Turk ist es zwar immer einfacher sich zu vernetzten, Online-Kommunikation endet aber zwangsläufig in Einsamkeit.

Kulturpessimismus in Reimform

So reimt Gary Turk zu Beginn des Videos, dass er – beziehungsweise das literarische Ich – 422 Facebook-Freunde habe, aber dennoch einsam sei. Niemand kenne ihn wirklich. Wir alle sind Sklaven der Technik geworden. Hätte Adorno sich so knapp und dichterisch ausgedrückt, Generationen von Studierenden wären dankbar gewesen. Alleine zu sein ist laut dem Clip aber kein Problem, wenn man sich nicht eigenbrötlerisch verhält, sondern produktiv betätigt. Etwa beim Trainieren, Malen oder Lesen.

Die Kritik bleibt die gleiche, das Medium ändert sich

Während Eltern heute in Begeisterungsstürme ausbrechen, wenn der pubertäre Nachwuchs zum Buch greift, galt das von Gary Turk als produktiv angeführte Lesen gegen Ende des 18. Jahrhunderts als äußerst bedenklich. Von „Lesesucht“ war die Rede, die von sinnvollen Tätigkeiten ablenken würde. Ja, selbst das heute als höchstes kulturelles Gut gehandelte Buch war vor Medienkritik nicht gefeit. Der Begriff „Sucht“ hat es in der Mediendiskussion bis in die Gegenwart geschafft. Bis es zur Online-Sucht kam, verursachte das Kino mal das Abstumpfen, mal die Überbeanspruchung der Fantasie, brachte das Fernsehen seit den 50er Jahren komplett verdummte Generationen hervor und der Comic-Konsum in den 80er Jahren war mehr als besorgniserregend.

Das von Gary Turk mit Sorgfalt und Aufwand gezeichnete Bild einer vereinsamten Generation von Kellerkindern und Daueronlinern in dem Clip „Look Up“ hält der Realität nicht stand. Für 83% der Jugendlichen ist das Treffen mit Freunden die wichtigste Freizeitbeschäftigung, gut 70% nutzen soziale Netzwerke, um sich mit ihren Freunden zu verabreden und Nachrichten zu schreiben (vgl. Jim –Studie 2013).

Die Hand, die dich füttert

Aber da sind ja immer noch die internetbeherrschenden, gierigen Medienmogule. Von denen Gary Turk nun ordentlich profitiert. Die von ihm so episch kritisierte Medien-Maschinerie beschert seinem Webvideo über 27 Millionen Aufrufe, mediale Aufmerksamkeit und – so darf spekuliert werden – Werbeeinnahmen von YouTube. Der Videoplattform, die 2006 für 1,65 Milliarden Dollar von Google gekauft wurde.

Was bleibt von dieser Liebesgeschichte, die es nie gegeben hätte, wenn die beiden Protagonisten nicht von ihrem Smartphone aufgeblickt hätten? Vielleicht hätten Sie sich im Internet kennengelernt. Oder einen netten Arbeitskollegen geheiratet. Statistisch gesehen wären die Chancen dafür höher, als sich an einer Straßenecke zu treffen und auf den ersten Blick zu verlieben.

Wann also lohnt es sich, vom Smartphone aufzublicken? Wenn man die Straße überquert, die Ausstiegshaltestelle nicht verpassen oder einer Straßenlaterne noch rechtzeitig ausweichen will. In anderen Fällen greift die soziale Kompetenz. Und die kann das Smartphone ebenso wenig beibringen wie vergessen lassen.