Super Size Zero: Alle Jahre wieder

Wie schnell ein Jahr vergehen kann, führt seit 2006 die stetig wachsende Anzahl der Germany’s Next Topmodels dem Zuschauer vor Augen. Nun ist das neunte „Topmodel“ von Heidi Klum und Co. gekürt. Und mit der sowohl euphorischen als auch kurzlebigen Medienberichterstattung ist die alljährliche Diskussion um das transportierte Körperbild neu entfacht. Dabei scheinen Plus-Size-Models auch keine Lösung zu sein.

Die Jagd nach Topmodelmaßen – für 98 Prozent der Frauen ein Wunschtraum. [Foto © Nadja Golitschek]
So groß die Aufregung am Tag des Finales und 24 Stunden später ist, so schnell verschwinden die Kandidatinnen und Gewinnerinnen auch wieder in der Versenkung. Außer sie werden von ProSieben zu Moderationszwecke oder für den australischen Dschungel wieder ausgegraben.

Kritiken an Germany’s Next Topmodel finden sich in Hülle und Fülle. Eine „sadistische Show“ ohne Bildungsziel oder pädagogischen Mehrwert. 2013 stürmten noch barbusige FEMEN-Aktivistinnen die Bühne des Topmodel-Finales, dieses Jahr wurde züchtig verhüllt am Kölner Dom gegen das einseitige und unrealistische Frauenbild demonstriert. Prominente, Verbände und Wissenschaftler fordern eine Abkehr von Schönheit als Maßstab für Erfolg und Zufriedenheit und mehr Vorbilder, deren Body-Mass-Index über 18 liegt.

Auch dicke Frauen können cool sein

Dabei überschlagen sich Medien und Boulevardblätter in unregelmäßigen Abständen, wenn Frauen sich abseits der Klum‘schen Idealmaße durch Talente hervortun und dabei noch zu ihrem Gewicht stehen – Beth Dito, Melissa McCarthy und Adele seien hier beispielhaft genannt. Und genauso oft philosophiert die Presse, ob Konfektionsgröße M das neue XS und die Epoche des Magerwahns überwunden ist, und decken nebenbei auf: „So cool können dicke Frauen sein“.

Nun trug es sich zu einer Zeit vor „Germany’s next Topmodel“ zu, dass der Kosmetikhersteller Dove 2004 erstmals mit Frauen warb, die nicht den modelüblichen 90-60-90 Maßen entsprachen. Die Kampagne wurde ein großer Erfolg. Bis heute strahlen Models von der Dove-Homepage, die bei Heidi Klum im Vorentscheid kaum eine Chance hätten.

Plus-Size-Models unerwünscht – von Konsumentinnen

Allerdings brachte eine Studie der Arizona State University und der Universitäten Rotterdam und Köln 2009 Erkenntnisse, die so gar nicht in das Marketing-Konzept des Kosmetikherstellers und zu den Forderungen von Gender-Wissenschaftler(inne)n und Eltern-Verbänden passen wollen:

Das Selbstwertgefühl normalgewichtiger Studienteilnehmerinnen sackte ab, wenn ihnen fülligere Models präsentiert wurden, stieg hingegen beim Anblick schlanker Models. Studienteilnehmerinnen mit einem hohen BMI reagierten auf beide Modeltypen negativ – die dünnen Models boten keine Identifikationsfläche, die Übergrößenmodels vermittelten ihnen offenbar den Eindruck, dick zu sein. Frauen mit niedrigem BMI hingegen grenzten sich von molligeren Models ab, was zu einer Steigerung des Selbstbewusstseins führt, und identifizierten sich mit schlanken Models. Klarer Verlierer: die Plus-Size-Models. Sie boten keine, zu wenig oder eine negative Projektionsfläche für die Studienteilnehmerinnen. Diese Erkenntnis, das dürfte jeder Marketing-Student im ersten Semester lernen, ist tödlich für Werbung – und für das Selbstwertgefühl aller Heranwachsender ohne Topmodelmaße.

Nur: Bestimmen Werbung und Topmodel-Castingshows unser Ästhetikempfinden? Oder ist es der Zeitgeist, welche Maße als ideal empfunden werden? Fakt ist, dass nur zwei Prozent aller Frauen diese erreichen. Die überwiegende Mehrheit kommt entgegen aller Modeschöpferparolen und „schlanker und glatt-dank-Gilette rasierter Beine“ Werbeplakate gut durchs Leben – auch ohne Foto von Heidi Klum.