Prostitution: (k)ein Beruf wie jeder andere

Am 2. Juni ist internationaler Hurentag. 150 Prostituierte besetzten 1975 in Lyon, Frankreich, mit Unterstützung des Pfarrers eine Kirche, um auf ihre diskriminierende Situation aufmerksam zu machen. Landesweit folgten Beispiele und ein Generalstreik. Trotz Aufhebung des Tatbestands der Sittenwidrigkeit scheint Prostitution nach wie vor anrüchig und umstritten zu sein.

Käufliche Liebe, ja oder nein? Seit über 5000 Jahren ein Streitthema.

Ob die käufliche Liebe tatsächlich das „älteste Gewerbe der Welt“ ist, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Erste Erwähnungen von Tempelprostitution gibt es ca. 3000 v. Chr. Sex gegen Opfergaben lautete der Deal, gegen den die Götter offenbar nichts einzuwenden hatten. Ganz anders die christliche Kirche im Mittelalter, die als Begründerin der Leibfeindlichkeit gilt. Während die kirchliche Norm Sexualität nur in der Ehe und ausschließlich zur Fortpflanzung erlaubte, war Prostitution rechtlich vollkommen legal. Schließlich war das Geschäft mit der käuflichen Liebe eine Hintertür für die rigide Sexualmoral des Mittelalters – und nach wie vor ein lukrativer Wirtschaftszweig.

 Unmoralisch aber unvermeidbar

Die Doppelmoral, die von den „liederlichen Frauenzimmern“ ausging, hielt sich bis ins ausgehende 19. Jahrhundert. Prostitution blieb geächtet, wurde aber als Dienstleistung und „notwendiges Übel“ für Männer hingenommen, um „ehrbare Frauen“ zu schützen. Die Industrialisierung und die damit einhergehende Massenverarmung förderte bei Frauen die „Teilzeitprostitution“ als weitere Einnahmequelle. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Prostitution im Deutschen Reich für sittenwidrig erklärt und damit endgültig kriminalisiert. Jedoch bemerkten die Politiker recht bald, dass dadurch kein Einhalt geboten werden konnte. 1927 wurde Prostitution wieder unter Straffreiheit gestellt.

Prostitution auf Amtsdeutsch

In den 50er Jahren im Amtsdeutsch noch als „Person mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr“ bezeichnet, können Prostituierte seit 2002 ihren Beruf als legale Erwerbstätigkeit ausführen und sich in den Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherungen versichern. Aus dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend heißt es aber: „Prostitution ist kein Beruf wie jeder andere und darf rechtlich nicht als zumutbare Option zur Sicherung des Lebensunterhalts gelten.“ Die in dem Beruf vorherrschenden „erheblichen psychischen und physischen Gefährdungen“ machen den Beruf „Prostitution“ kaum alltagstauglich. Zudem sei fraglich, wie viele der Frauen „sich wirklich frei und autonom für oder gegen diese Tätigkeit entscheiden können.“

Appell gegen Prostitution

Kritik an Prostitution gibt es heute nicht nur von kirchlicher Seite, auch Frauenrechtler/innen kritisieren das Gewerbe der käuflichen Liebe. Die feministische Zeitschrift „Emma“, gegründet von Alice Schwarzer, kritisiert Prostitution als „moderne Sklaverei“ – und bedient sich damit der gleichen Formulierung wie die deutschen Bischöfe. Oder umgekehrt. Weltliche wie kirchliche Kritiker argumentieren ähnlich: Frauenhandel und Prostitution seien untrennbar miteinander verbunden, Prostitution sei im Widerspruch mit der Würde des Menschen und sie alle sehen Handlungsbedarf auf kirchlicher, gesellschaftlicher und politischer Ebene.

Dass Prostitution als gängiger Lohn- und Broterwerb in der Gesellschaft angesehen wird, ist bisher auch im 21. Jahrhundert noch nicht abzusehen.