Entzückend bis erschreckend – das Selfie

Witzig, sexy oder unfreiwillig komisch: Selfies gibt es in allen erdenklichen Variationen. Je nach Motiv lösen sie Entzücken oder Entsetzen aus. Neu ist die Lust an den eigenen Porträts nicht.

Rembrandt tat es, van Gogh ebenso und auch Dürer konnte es nicht lassen. Sie alle fertigten neben großen Kunstwerken Selbstbildnisse an. Die Selfies der Renaissance zeugen von einer prä-digitalen Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstbild.  Die Entwicklung der Fotografie ein paar Jahrhunderte später erleichterte das eigene Abbilden ungemein.

Die Selbstbildnisse des 21. Jahrhunderts, liebevoll Selfie genannt, haben nicht viel mit den Werken der alten Meister gemein. Was sie an künstlerischem Anspruch vermissen lassen, machen sie aber durch einfache Herstellung und inflationäre Verwendung wieder wett.

Selfie, die unterschätzte Kunstform

Auch wenn die Maler des 15. Jahrhunderts den höheren Aufwand hatten, Selbstbildnisse von sich anzufertigen, unterschätzen sollte man die Kunst der Selfie-Herstellung nicht. Hintergrund, Licht, Bauch rein, Brust raus, Duckface oder Schnute? All das gilt es zu entscheiden, zu koordinierenden und einhändig mit dem Smartphone auf 10,6 cm x 6,1 cm Displaygröße umzusetzen. Brachten die Selbstbildnisse Dürer neue Aufträge ein, hält der geneigte Social Media Nutzer mit dem ein oder anderen gut platzierten Selfie die Freunde bei Laune, generiert neue Follower und erhöht nebenbei durch Likes und Favs sein Selbstwertgefühl.

Albrecht Dürer vs. Lieschen Müller

Manche sehen dadurch ausgeprägten Narzissmus der Online-Generation, deren Ich-Bezogenheit in den Selfies gipfelt. Die Selbstdarstellungen sind aber auch Konstruktion und Ausdruck von Selbstidentität. Und ist es wirklich fair, Max Mustermann oder Lieschen Müller Selbstverliebtheit aufgrund eines Selfies vorzuwerfen, wenn Albrecht Dürer Selbstbildnisse im Stil einer Christus-Darstellung anfertigte? Laut kunsthistorischer Einordnung zeugen die Selbstbildnisse der Renaissance-Maler von Idealisierung, Standesbewusstsein und positiver Selbstdarstellung. Über die Bewertung von Selfies werden Kunsthistoriker in 300 Jahren zu entscheiden haben.

Aufreger und Lieblinge

Die Debatte um Selfies entfacht – wie bei Netzthemen üblich – immer wieder neu. Mal erhitzen Selfies auf Beerdigungen oder in Konzentrationslagern, die Gemüter. Eine hohe Promi-Dichte, wie sie auf dem Selfie von Ellen deGeneres zu finden ist, oder die Queen als Selfie-Bomber, versöhnen die Welt aber recht schnell wieder mit den Selbstbildnissen des 21. Jahrhunderts.

Die Queen als Foto-Bomber

Selfie in Auschwitz

Star-Selfie bei der Oscar-Verleihung 2014

US-Präsident Obama nimmt Selfie auf Beerdigungen auf