Kampf dem musikalischen Guerillakrieg

An den Hauptbahnhöfen der Großstädte werden Fahrgäste mit klassischer Musik empfangen – was auf den ersten Blick angenehm und beruhigend wirkt. Die Intention ist aber eine ganz andere.

Klassische Musik an Bahnhöfen soll Drogenabhängige fernhalten
Klassische Musik an Bahnhöfen – klingt schön, ist es aber nicht

Der französische Schiftsteller Victor Hugo sagte: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ Wenn man klassische Musik an Bahnhöfen trotzdem übersetzten wollte, würde wohl ein „Verschwindet!“ dabei herauskommen. Denn wer sich ob sanfter Klaviertöne oder virtuoser Geigenklänge willkommen oder gar entspannt fühlt, der irrt. Beethoven, Mozart und Vivaldi sollen nicht einladen, sie sollen verscheuchen. Unliebsame Gäste wie Obdachlose, Junkies und Drogendealer. Bei dieser Zielgruppe hat klassische Musik als dezente Dauerbeschallung offenbar eine abschreckende Wirkung. Und Geigenklänge verursachen aufgrund ihrer Frequenz angeblich sogar physische Schmerzen bei Drogenabhängigen.

Exklusion durch Hochkultur

Der musikalische Guerillakrieg gegen Obdachlose könnte verheerende Auswirkungen auf das Image der klassischen Musik haben. Leidtragende wären neben Symphonieorchestern ­die Musikpädagogen. Sie werden nicht müde, die positive, integrative und beruhigende Wirkung der klassischen Musik zu betonen. Wie kann aber noch der wöchentliche Seniorennachmittag bei Klavier­ und Geigen verantwortet werden, wenn ein paar Kilometer weiter damit Obdachlose vertrieben werden? Ist es nicht moralisch höchst fragwürdig, sein Kind zur musikalischen Früherziehung in den Geigenunterricht zu schicken? Oder ein Ungeborenes damit zu beschallen? Im Gegensatz zu den Obdachlosen können die nirgendwo anders hin.

Sollte in einer Studie nachgewiesen werden, dass klassische Musik doch nicht gegen Obdachlose hilft, könnte man die Musik dennoch weiterlaufen lassen. Zum Wohlbefinden der Fahrgäste – und aus dem „Verschwindet!“ ein „Willkommen!“ machen.