Bio-Essen oder Eigenheim?

Seit einem Monat wurden Milchprodukte und Fleisch aus artgerechter Haltung gekauft. Und ja: Produkte von glücklichen Tieren sind teurer. Aber: Sie sind es wert. Und vor allen Dingen: Viel mehr Geld wurde in diesem Monat für Lebensmittel nicht ausgegeben. 


13 Euro für ein halbes Kilo Bio-Pute – da kann man im ersten (und zweiten) Moment schon mal schwer schlucken. Klar, die Pute wurde nicht vorsorglich mit Antibiotika behandelt, hatte Auslauf auf der Wiese und durfte in ihrem natürlichen Tempo wachsen. Aber trotzdem heftig, wenn es doch normal war, das Kilogramm Pute im Supermarkt für nicht einmal 7 Euro zu kaufen.

Behauptung: Weil jetzt Bio-Essen bestellt wird, kann man sich kein Eigenheim mehr leisten. [Screenshot Facebook]

Ganz so dramatisch ist die finanzielle Situation nach einem Monat Bio-Fleisch wie in dem Posting geschildert aber nicht. Zwar wurden Fleisch und Milch aufgrund der artgerechten Haltung teurer als bisher eingekauft, aber dafür auch wesentlich weniger als zu Supermarkt-Zeiten – viel mehr Geld blieb trotz Bio-Essen also nicht auf der Strecke.


Weniger Fleisch ist kein Verzicht

Fleisch aus artgerechter Haltung
Fleisch kommt wieder auf den Tisch – aber nur noch glückliches

Seit dem Vegan-Projekt gibt es ca. einmal pro Woche ein Fleischgericht – daneben ein- bis zweimal Wurstaufschnitt. Das kling für manche vielleicht nach wenig, ist aber sogar für die Fleisch-über-alles-liebende bessere Hälfte (die übrigens Angst hatte, dass wir aufgrund des Bio-Essens verarmen) kein Problem. 

Während des Projekts wurden viele leckere Alternativen zu Fleischgerichten entdeckt wurden. Zum Beispiel Blumenkohlgratin mit falschem Käse oder Chili sin carne haben es auch über die Vegan-Zeit auf den Teller geschafft – Mahlzeiten, in denen Fleisch oder Käse ganz einfach ersetzt werden können. Auch bei Milch wurde der Verzehr dank einiger leckerer (veganen) Alternativen reduziert.


Niedrigstpreise für Fleisch – früher normal, jetzt absurd

Vor dem Vegan-Projekt wurde gefühlt nicht übermäßig viel Fleisch konsumiert. Aber pro Woche kam bei zwei Personen doch ein bisschen was zusammen. Daher geht es auch nicht darum, sich mit dem erhobenen Zeigefinger vor Aldi und Lidl zu stellen und die Leute moralisch zu belehren, was sie in ihrem Einkaufswagen haben. Aber die letzten zwei Monate haben doch das Konsumverhalten – das ich bis dahin schon als reflektiert angesehen hätte – noch einmal grundlegend geändert.

Und auch wenn der Schock über die hohen Fleischpreise bei Bio-Bauernhöfen, die die Puten und Schweine selbst halten und schlachten, eine Weile anhielt, ist er jetzt nicht geringer, wenn man auf Plakaten und in der Werbung sieht, wie sich Supermärkte und Discounter beim Fleischpreis gegenseitig unterbieten. Angesichts von Aufzucht, Fütterung, Haltung, Transport, Schlachtung und Verpackung des Tieres stellt sich mehr als früher die Frage: „Wie kann das sein?“ – auch wenn wahrscheinlich jedem klar ist, wie der niedrige Preis zustande kommt.

Schon spannend, wie einem der „normale“ Fleischpreis nun absurd niedrig und die industrielle Fleischproduktion total pervertiert vorkommen.

NDR-Beitrag über Supermarkt-Fleisch:


Erbsenzählerei

Aber jetzt mal konkret: Bio-Fleisch ist kein billiges Vergnügen. Es kostet, und zwar nicht zu knapp. Ein vielgehörtes Argument bei Umfragen ist, dass man die „Produktionsbedingungen“ von Billig-Fleisch hinnimmt, weil man sich sonst das Fleisch nicht mehr leisten könne. Ein nachvollziehbares Argument.

Die Deutsche Ernährung für Gesellschaft empfiehlt 300 – 600 g Fleisch und Wurst pro Woche

Aber muss es drei-, vier-, fünfmal die Woche Fleisch auf dem Teller geben? Wenn nämlich nicht, endet der Kauf von artgerecht gehaltenem Bio-Fleisch nicht unweigerlich im finanziellen Ruin.

Ausgaben für Fleisch und Milch vor dem Vegan-Projekt pro Woche (zwei Personen, grob überschlagen):

Putenbrust (400 Gramm): 2,89 Euro
Hackfleisch (500 Gramm): 2,19 Euro
Speck / Bacon (100 Gramm): 0,90 Euro
Aufschnitt (300 Gramm): 5,07 Euro
Milch (5 Liter): 2,75 Euro
Sonstige Milchprodukte: 1,39 Euro

Summe: 15,19 Euro


Bilanz des Monats nach dem Vegan-Projekt mit Bio-Fleisch und -Milch (runtergerechnet auf eine Woche):

Putenbrust (120 Gramm): 3,30 Euro
Hackfleisch (100 Gramm): 1,12 Euro
Aufschnitt (200 Gramm): 4,10 Euro
demeter-Milch (2 Liter): 2,60 Euro
Soja-Vanille-Drink als Milchalternative (0,5 Liter): 1,76 Euro
Sonstige Milchprodukte: 2,50 Euro

Summe: 15,38 Euro

Jetzt kann man argumentieren, dass es doch doof ist, so viel mehr Geld pro Kilogramm für weniger Fleisch und Milch auszugeben – artgerechte Tierhaltung und glückliche Viecher hin- oder her.


Geschmack schlägt Günstig-Angebote

Aber nach vier Wochen kann ich mit verwöhntem Gaumen sagen: Der Geschmack und die Qualität von Fleisch aus artgerechter Haltung geben dem Supermarkt-Fleisch den endgültigen Todesstoß.

Mein Lieblingsbeispiel: Lyoner-Wurst. Ich kannte bisher nur die aus dem Supermarkt und fand sie nie lecker. Beim Biohof wurde die dann mal für den Freund bestellt, der davon allerdings nur noch die Hälfte essen konnte. Geschmack lässt sich leider schlecht verschriftlichen, sonst wäre das hier ein literarisches Meisterwerk.

Und wer einmal gesehen hat, wie rosa frisches Putenfleisch aussehen kann, ohne Gasgemisch oder Lebensmittelfarbe, der möchte eher weniger zurück zum Supermarkt-Fleisch, das auch regelmäßig mit antibiotikaresistenten Krankheitskeimen Schlagzeilen macht – wir zumindest nicht.