Ab Donnerstag bin ich Hartz-IV-Empfänger

Ab Donnerstag bin ich Hartz-IV-Empfänger. Das stimmt so (zum Glück) nicht ganz. Ein Projekt gibt 7 Wochen lang Einblicke in das Leben von Hartz-IV-Empfängern – Antrag ausfüllen und Besuch im Tafelladen inklusive.

Ab Donnerstag startet im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt ein Projekt, das an die Lebenswelten von Hartz-IV-Empfängern heranführen soll – angefangen beim Ausfüllen des Hartz-IV-Antrags bis hin zum Besuch von Orten, an denen sich arme Menschen treffen. Durch das Experiment soll ein neues Verständnis für die Lebensumstände Mittelloser entwickelt werden.

Warum Hartz-IV-Leben simulieren?

Warum ich mitmache? Zum einen: aus Neugierde. Zum anderen aufgrund der Tatsache, dass ich blöderweise nicht Industriekauffrau oder Tierärztin geworden bin, sondern in einem für die „Irgendwas mit Medien“-Branche typischen befristeten Vertrag hänge – und dementsprechend nicht weiß, wo oder ob ich in einem halben Jahr arbeiten werde.

Da ich für mein Leben gern Horrorszenarien durchspiele und mich genauso gerne auf Worst-Case-Situationen vorbereite, ist dieses Projekt also die ultimative Gelegenheit, mich der größten Angst der immer kleiner werdenden Mittelschicht zu stellen: einen Hartz-IV-Antrag auszufüllen, den vermutlich recht niedrigen Wochensatz berechnet zu bekommen, Orte der Ausgrenzung zu erleben.

Reale Ausgaben vs. Hartz-IV-Wochenbudget

Ob ich mit dem mir zugeteilten Betrag in den 7 Wochen auch tatsächlich haushalten werde, kann ich aufgrund privater Projekte nicht versprechen („Ey Schatz, können wir die Hochzeit verschieben??“). Aber ich werde die alltäglichen Ausgaben auf jeden Fall mit dem Hartz-IV-Satz vergleichen und resümieren, welche Einschränkungen damit verbundenen wären.

Sehr spannend wird die Frage sein: Lässt es sich mit Hartz IV nachhaltig, ökologisch und ausgewogen ernähren und leben?

Wie weit kommt man im Bio-Supermarkt mit Hartz IV?

Die Prognose zu meinem Lebensstil:

Der Kleiderkauf wäre vermutlich einzuschränken. Da ich aber seit gut 2 Jahren ohnehin nur Second Hand und damit sehr günstig einkaufe, dürfte das nicht allzu schwer ins Gewicht fallen.

Problematisch hingegen könnten Lebensmittel werden. Seit dem Vegan-Projekt vor einem Jahr wird ausschließlich Milch und Fleisch aus artgerechter Haltung bezogen. Dieser ursprünglich rein ideelle Anspruch hatte auch eine gesteigerte Anforderung an Lebensmittelqualität zur Folge. Denn – ganz ohne den moralischen Hintergrundquatsch: Fleisch aus Freilandhaltung schmeckt einfach besser.

Auch wenn der Fleischkonsum stark eingeschränkt wurde – und das Bio-Fleisch aus Freilandhaltung ungefähr so zu Buche schlägt wie drei bis vier Mal Fleisch aus dem Supermarkt aus Massentierhaltung – bin ich fast sicher, dass dieser Standard mit Hartz IV nicht zu halten sein dürfte.

Da kommt einem doch direkt die Kraftklub-Zeile in den Kopf: „Mit 390 Euro Hartz kommt man nicht weit im Bio-Markt. Und ich male alles schwarz.“

Los geht’s am 11. Februar, 19:30 Uhr, in der Kapelle der Lutherkirche Bad Cannstatt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Informationen gibt es hier.