Erste Woche mit Hartz IV: Gesundheit, Geschenke und Kultur

Der Warenkorb beinhaltet eine auf dem Cent genaue Aufteilung, wie viel Geld des Arbeitslosengeldes für was vorgesehen ist. Doch inoffiziell scheint anders gerechnet zu werden.

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Kultur, Geschenke und Medikamente – plötzlich Luxus

Wie die 404 Euro im Monat aufgeteilt werden sollen, das hat sich jemand ganz genau überlegt, wie im Warenkorb ersichtlich ist. Wie ich diese Woche erfahren habe, gibt es keine Beihilfen mehr, etwa wenn die Waschmaschine oder der Kühlschrank kaputt geht.

Beihilfe gibt es für die Erstausstattung beim erstmaligen Bezug einer neuen Wohnung und oder bei der Geburt eines Kindes. Aber wie eine andere notwendige Neuanschaffungen stemmen? Offenbar wird erwartet, dass 10 % des Regelbedarfs im Monat gespart wird. 40 Euro! Sollte die Position „Instandhaltung und Haushaltsgeräte“ in diesen Sparsatz mit einfließen, wäre die Anschaffung etwa des neuen Nudelholzes ein fataler Fehler gewesen, wenn Kühlschrank oder Waschmaschine kaputt gehen.

Apropos Medizin: Jährlich muss ein Eigenanteil von ca. 40 Euro geleistet werden. Ein Recht auf eine Befreiung, etwa bei einer chronischen Krankheit, gibt es offenbar nicht.

Montag: Geschenke und Familienbesuche – so gut wie unmöglich
Ein Familienmitglied hat Geburtstag. Das Geschenk und eine Bahnfahrt für den Besuch stehen noch aus – dafür werden mindestens die Hälfte eines Wochenbudgets drauf gehen. So etwas alltägliches wie ein Geschenk kaufen und die Familie besuchen wird plötzlich zur unfassbaren finanziellen Belastung. Und das fällt schon in der ersten Woche auf: selbst kleine Aufmerksamkeiten, Geschenke oder Spenden im wenige-Euro-Bereich sind so gut wie unmöglich oder sehr belastend – finanziell wie gedanklich.

Dienstag: Selbst gemacht kann günstiger kommen
Meine selbst gebackenen Brote werden immer besser. Von dem Getreide für ca. 2 Euro habe ich zweimal gebacken und noch etwas vom Brot eingefroren. Davon kann ich seit über einer Woche gut essen – allemal günstiger als fertig gekauftes Brot.

Freunde fragen, ob wir mal wieder einen Spieleabend machen. Mein erster Gedanke: Sehr gut! Das kostet nichts.

Mittwoch: Kulturelle Teilhabe
Ich würde gerne zu einer Filmvorführung mit anschließender Diskussion gehen. Es geht um Urban Gardining und nachhaltige Ernährung. 5 Euro kostet die Veranstaltung, unter „normalen“ Umständen nicht viel. Jetzt grübele ich tagelang, ob ich mir das leisten kann. „Zum Glück“ kam etwas (kostenloses) dazwischen, so dass ich nicht entscheiden musste, ob ich das Geld ausgebe.

Von der Stadt Stuttgart gibt es unter anderem für Bezieher von Arbeitslosengeld II die Bonuscard:

Die Landeshauptstadt Stuttgart gewährt Ihnen mit der Bonuscard + Kultur eine freiwillige soziale Leistung. Mit dieser können Sie Ermäßigungen und Zuschüsse für vielfältige Angebote erhalten. Dem Berechtigtenkreis soll dadurch ermöglicht werden, trotz finanzieller Einschränkungen, am kulturellen, sportlichen und sozialen Leben in der Stadt teilzunehmen. Des Weiteren haben Sie die Möglichkeit, mit der Bonuscard + Kultur vergünstigte MonatsTickets für den öffentlichen Nahverkehr innerhalb des Stadtgebietes von Stuttgart zu beziehen.

Außerdem gibt es das Programm „Bunt und umsonst“ für kostenlose Kulturveranstaltungen in Stuttgart. Wer nicht alleine dorthin gehen möchte, hat die Möglichkeit, sich für ein gemeinsames Treffen und Besuche anzumelden – eine schöne Idee, wie ich finde, da die prekäre finanzielle Lage schnell zur Isolation führen kann.

Donnerstag: Budget zur Nachrichtenübermittlung ist aufgebraucht
Meine Handyflat ist ausgelaufen. 5 Euro brauche ich für eine neue. Immerhin habe ich keinen Vertrag mit fixen Kosten. Das Budget für Nachrichtenübermittlung ist somit fast vollständig aufgebraucht. Und zum Glück bin ich nicht auf die Veranstaltung am Mittwoch gegangen …

Freitag: Kleine Sünden bestrafen den Geldbeutel
Stressiger Tag. Auf dem Heimweg kaufe ich mir aus dem Snackautomaten Nervennahrung aka Schokolade für 1,50 Euro. Der Betrag entspricht meinem Bildungsbudget für diesen Monat …

Das Budget zu Beginn der zweiten Woche mit dem Hatz-IV-Satz:

Nahrung und Getränke (alkoholfrei): 143,42 Euro ⇒ 76,34 Euro
Freizeit, Unterhaltung, Kultur: 44,60 Euro ⇒ 29,25 Euro
Nachrichtenübermittlung: 35,67 Euro ⇒ 35,39 Euro
Bekleidung, Schuhe: 33,94 Euro
Wohnen, Energie, Wohninstandhaltung: 33,77 Euro
Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände: 30,62 Euro ⇒ 7,49 Euro
andere Waren und Dienstleistungen: 29,57 Euro
Verkehr: 25,45 Euro
Gesundheitspflege: 17,37 Euro
Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen: 8,00 Euro
Bildung: 1,54 Euro

Summe: 404 Euro ⇒ 255,53 Euro