Arm gegen ärmer

Hartz-IV-Empfänger erhalten weniger als Flüchtlinge. Flüchtlinge bekommen alles hinterhergeworfen. Um Arbeitslose kümmert sich keiner. Wer in Sozialen Netzwerken unterwegs ist, hat solche oder ähnliche Kommentare vielleicht auch schon gelesen. Ein kleiner Exkurs im Hartz-IV-Projekt.

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Ein Besuch in einer Flüchtlingsunterkunft – während des Hartz-IV-Projekts ein nochmal härterer Kontrast zum „normalen“ Leben. (Und nein, in der Flüchtlingsunterkunft gab es keinen Stracheldrahtzaun, aber ich hab‘ grad kein anderes Symbolbild)

 

Unter Artikeln und Postings, die sich mit der Flüchtlingskrise beschäftigen ist es immer wieder zu lesen: Flüchtlinge erhalten mehr als Hartz-IV-Empfänger, um hier ansässige Bedürftige kümmert sich keiner, behaupten rechtspopulistische böse Zungen.

Ziemlich zu Beginn des Hartz-IV-Experiments lernte ich einen afghanischen Flüchtling kennen. Rechtspopulistische Böse Zungen würden ihn als Vorzeigflüchtling bezeichnen: mit Mitte 20 hat er einen Abschluss in Ingenieurswesen, mehrmonatige Berufserfahrung im Ausland gesammelt, spricht besser Englisch als ich und möchte hier seinen Master – das Studium wird auf Englisch angeboten – machen.

Leben im Zelt mit knapp hundert Mitbewohnern

Letzte Woche durfte ich ihn in der Flüchtlingsunterkunft besuchen. Der „Besucherbereich“ in dem großen Zelt besteht aus einem Tisch mit ein paar Stühlen in unmittelbarer Nähe zum Security Tisch. Neben meinem Bekannten, der afghanischen Tee servierte – sehr zu empfehlen! – lernte ich seine Freunde – ebenfalls Flüchtlinge – kennen, Christen aus dem Iran, also vermutlich religiös Verfolgte. Auch sie wollen hier studieren.

Sehr interessant war auch das Gespräch mit den beiden Security-Männern. Da es mein erster Besuch in einer Flüchtlingsunterkunft war, fragte mich einer von beiden, wie ich es finde. Zuerst schießen einem Adjektive wie „karg“ und „armselig“ durch den Kopf – angesichts der durch dünne Stellwände, Handtücher und Decken voneinander abgetreten Bereiche bestückt mit Stockbetten wohl auch nicht weiter verwunderlich.

Tatsächlich empfand ich die Stimmung dort als entspannt und freundlich. Das griff der Security-Mann auch gleich auf und erzählte stolz, dass sie dafür auch sehr gelobt werden, mit den Flüchtlingen Fußball spielen, Kinoabende machen, ins Stadion gehen und auf einen respektvollen Umgang miteinander achten.

Unterschiedlicher Glaube, unterschiedliche Sprache, unterschiedliche Kultur

Gleichzeitig wundere ich mich beim Sitzen im Zelt, in dem annähernd 100 Menschen unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher Kultur und Sprache auf engstem Raum ohne Ruhe oder Privatsphäre leben – von wohnen kann ja keine Rede sein – , dass wir nicht täglich von Ausschreitungen oder Prügeleien in Flüchtlingsheimen hören.

Dazu kommt der ungewisse Aufenthaltsstatus mancher sowie die trübe Aussicht, nach Monaten mit wenig Schlaf und ohne Privatsphäre noch bis Ende des Jahres unter diesen Umständen leben zu müssen.

Arm gegen ärmer auszuspielen ist armselig

An dieser Stelle kann und soll die Flüchtlingsthematik nicht weiter ausgeführt werden. Aber gerade in der Zeit, in der man sich beschränkt, versucht, mit wenig Geld zurecht zu kommen und dabei ist, eine andere Perspektive auf Wohlstand, Konsum und Geld einzunehmen, ist die Flüchtlingsunterkunft und das Schicksal Einzelner ein nochmal krasserer Kontrast.

Lange Rede, kurzer Sinn: Hartz IV ist fatal, insbesondere, wenn man nicht raus kommt. Aber Situation Arbeitsloser gegen die der Flüchtlinge, die ihre Heimat verlassen mussten und zur Zeit teilweise in Verhältnissen leben, die keinem Bedürftigen hier zuzumuten wären, auszuspielen, ist grundflasch – und in meinen Augen auch nicht miteinander vergleichbar.