Das Hartz-IV-Projekt: Rückblick

Sieben Wochen Auseinandersetzung mit Hartz IV und vier Wochen mit dem Versuch mit dem Arbeitslosengeld-II-Satz zu leben, liegen nun zurück.

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Vier Wochen mit Hartz IV: gesellschaftliche und politische Teilhabe ist kaum möglich

Viel von dem, was ich über Hartz IV zu wissen glaubte, war falsch: die Wohnung wird zwar gezahlt. Von den 404 Euro Regelbedarfssatz im Monat muss aber z. B. der Strom selbst gezahlt werden. Wenn die Waschmaschine kaputt geht – oder wie in meinem Fall in den vier Wochen mit Harzt IV tatsächlich mein Handy UND der Backofen – gibt es keine Beihilfen.

Dann wurde ziemlich schnell klar, dass das Hartz-IV-Experiment gar kein richtiger Selbstversuch sein kann. Denn Arbeitslosigkeit auf die 404 Euro zu reduzieren, die man als Erwerbloser im Monat zur Verfügung hat – das funktioniert nicht. Das haben wir in der Gruppe sehr schnell gemerkt, wenn man plötzlich daheim bleiben musste, wenn Freunde ausgingen. Das wurde auch als Reaktion auf das Projekt von Betroffenen rückgemeldet. Und das habe ich auch in Gesprächen mit Diakonie-Mitarbeitern erzählt bekommen, die sagten, dass Isolation und Perspektivlosigkeit immer schlimmer wird, je länger die Arbeitslosigkeit andauert.

Die Frage danach, wie nachhaltig man mit Hartz IV leben kann, schließe ich mit einem großen Fragezeichen mit Tendenz ins Negative. Über die vier Wochen musste ich nicht im Discounter auf Schnäppchenjagd gehen und konnte mir die Grundnahrungsmittel (ohne Fleisch!) vom Bioladen holen. Das war es dann aber auch. Wenn ich länger mit Hartz IV zurecht kommen müsste und plötzlich Sonderausgaben anstehen würden, ginge das nicht mehr. Gezwungenermaßen „nachhaltig“ wird der Kauf von Klamotten und technischen Geräten aus zweiter Hand, Neuanschaffungen sind hier meiner Meinung nach kaum möglich.

Auch wenn Behördengänge, Umzug in eine „angemessene“ Wohnung und – möglicherweise fruchtlose – Vorstellungsgespräche kein Bestandteil des Projekts waren, habe ich viel gelernt: Wie es ist, wenn eigentlich selbstverständliche Dinge, wie mit Freunden mal etwas trinken gehen, zu einer finanziell absoluten Unmöglichkeit wird, bis hin dazu, dass das ohnehin ärgerliche technische Versagen von Handy und Ofen zu einer vollendeten Katastrophe wird.

Durch die vielen Gespräche und Reaktionen von Betroffenen und Nicht-Betroffenen merkt man aber, dass das Thema viele zu beschäftigen scheint. Dabei blieb mir vor allem der Satz einer Bekannten hängen: „Wir fühlen uns sicher und Arbeitslosigkeit scheint weit weg. Aber durch Wirtschaftskrisen, Krankheit oder andere Lebensumstände, kann das doch ganz schnell passieren.“

Auch das kleine Medienecho, dass das Projekt hervorgerufen hat, finde ich wichtig, damit sich mehr mit dem Thema auseinandergesetzt und darauf aufmerksam gemacht wird. Dadurch wird für die Betroffenen natürlich erst mal nichts besser, aber meiner Meinung nach gehen Kenntnis(-nahme) und Verständnis oft Hand in Hand.

Ein Punkt, der mir auch erst gegen Ende des Projekts bewusst wurde – daher auch das Titelbild: Haben Arbeitslose eine Stimme, gesellschaftlich, politisch? Hier, denke ich, ist die Arbeit von Diakonie, Caritas, AWO und anderen sozialen Organisationen überaus wichtig – die man im öffentlichen „normalen“ Leben aber so wahrscheinlich gar nicht so wahrnimmt.

Mein kurz gefasstes, etwas pathetisches, Fazit zum Hartz-IV-Projekt: Kurzfristig kann man mit Arbeitslosengeld II leben, langfristig reicht es noch zum Existieren.