Wie es ist 30 zu sein vs. Wie wir dachten, dass es ist, 30 zu sein

Den einen stürzt er in eine verfrühte Midlife-Crisis, andere sind froh ihn erreicht zu haben: der 30. Geburtstag. Der erste runde Geburtstag, der die mehr oder weniger erwachsen gewordenen zum kritisch Bilanz ziehen verleitet. Schließlich gab es konkrete Vorstellungen, wie das Leben mit 30 einmal aussehen würde.

Auch wenn der Vorsatz war, sämtliche Sticheleien und Anspielungen zu jenem fulminanten Ereignis – dem 30. Geburtstag – zu ignorieren, ein ganz „normaler“ Geburtstag ist es dann doch nicht.

30 Jahre alt zu werden bedeutet, dass man es altersmäßig schon mal weiter geschafft hat als Kurt Cobain und Amy Winehouse. Zwar ohne eigenen Wikipedia-Artikel, aber hey, wer ist angesichts der dahinscheidenden Jugend noch überpingelig?

Wenn wir 30 Jahre alt werden, können wir auf das erste überwiegend selbstbestimmte Jahrzehnt zurückblicken. Und wie es denn aussehen könnte 30 zu sein, davon haben uns unsere Eltern ein Bild vermittelt: Mit 30 ist man erwachsen, verheiratet, hat evtl. ein Haus und ein paar Kinder vorzuweisen. Im Laufe unserer 20er Jahre erweiterten wir diese Vorstellung mit ein paar spaßigeren Aspekten, wie weiterhin kräftig feiern gehen. Also zwar irgendwie erwachsen sein, aber auf keinen Fall spießig. Hauptsache jung geblieben.

Wie steht es nun um uns 30-Jahre-alt-gewordene, die wir mit 17, 22 und 26 doch zumindest meinten eine vage Ahnung davon zu haben, wie unser Leben mit 30 so aussehen würde?

Ein Realitätscheck zwischen Annahmen (die sich nur teilweise widersprechen) und Wirklichkeit:

Mit 30 gehen wir immer noch feiern

So mit Anfang 20 war klar, dass das restliche Leben – oder doch zumindest die nächsten 10 Jahre – mit einer beständigen Feierfrequenz weitergehen würde. Dass das spätestens mit Ende 20 keine gute Idee mehr ist, da man sich am nächsten Tag nicht mehr wie 40 sondern wie ungefähr 80 fühlt, hat dem Vorhaben gehörig einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Plötzlich halten wir einen gepflegten Wochenendkater für eine schlechte Idee und sagen Sachen wie „Ich hatte eine echt anstrengende Woche“, „Ich muss übermorgen fit sein“ oder – wenn es längst zu spät ist – „Nie wieder Alkohol“. Das hat zur Folge, dass die Abende immer früher enden, denn man braucht ja seinen Schlaf. Der aber möglicherweise essenziell für den nächsten Punkt ist.

Mit 30 sehen wir immer noch gut aus

Check. Natürlich! Gegenseitig sagen wir uns bereits sehr routiniert, dass wir noch lange nicht wie 30 aussehen und uns schon gar nicht so fühlen!

Und doch bekommt man so langsam von schon älteren Verwandten beim Geburtstagstortenessen den Spruch „Kuchen zieht die Falten glatt“ oder den ungefragten wie mitfühlenden Rat zu hören, doch jetzt so langsam auf gewisse straffende Hautpflegeprodukte zurückzugreifen. Obwohl man das schon längst heimlich seit 5 Jahren tut und das niemals zugeben würde.

Mit 30 sind wir immer noch junggeblieben

Klar, wenn 40 das neue 30 ist, muss 30 das neue 20 sein. Aber wenn wir tatsächlich mal mit Anfang-bis-Mitte-20-Jährigen konfrontiert sind, werden die trennenden Gräben offensichtlich: Sie kennen „Friends“ nicht, haben keine Ahnung wie es als Teenie war, nur zu bestimmten Uhrzeiten telefonieren zu dürfen, weil es da günstiger war, und sagen so Sachen wie „Also in Facebook schau ich ja gar nicht mehr rein, nur noch bei Instagram.“

Und wenn man ehrlich ist, so ganz hat es mit dem Beibehalten der jugendlichen Naivität nicht geklappt. Die bereits geführten leidenschaftlichen Diskussionen bei Bier oder Cocktail über das Für und Wider von Bausparverträgen und Berufsunfähigkeitsversicherungen belegen es.

Immerhin können wir heute Dank Emulatoren die Spiele unserer Jugend wieder zocken. Und das stundenlang, ohne Taschengeldabzug oder andere Repressalien fürchten zu müssen (ha!).

Mit 30 sind wir verheiratet

Läuft. Bei vielen. Aber auf die coole Art. Irgendwie. Na ja … Denn obwohl wir jung, unabhängig und cool (sagt man das eigentlich noch?) bleiben wollten, heiraten wir exorbitant kitschiger, traditioneller und pompöser als unsere Eltern, die einfach nur aufs Standesamt gegangen sind und danach irgendwo was gegessen haben. Klar, wir kennen die Statistiken, die mit gut 38 % Scheidungsrate auch nicht nur rosig aussehen. Da muss der Auftakt für eine vermeintlich perfekte Ehe auch perfekt inszeniert werden.

Mit 30 haben wir ein Haus

Hahahahahaha*. Next!

Mit 30 haben wir Kinder

Katzen zählen auch, oder?

Immerhin: Man hört und liest deutlich weniger, wie schwierig es ist, Katzen und Karriere unter einen Hut zu bringen. Als Enkelersatz haben sie sich allerdings noch nicht vollends durchgesetzt.

Und jetzt?

Und wie ist es jetzt mit 30?

Es ist ein Spagat zwischen jung bleiben wollen und irgendwie Erwachsensein. Aber wer einen Spagat schafft, ist ziemlich agil – und das gilt gemeinhin immer noch als erstrebenswert.