Was mich an der KonMari-Aufräum-Methode stört

Im Internet wird aktuell über nichts anderes gesprochen – nicht etwa über Donald Trump oder Katzenvideos, sondern übers Aufräumen. Möglich macht das der Streamingdienst Netflix , der zu Beginn des Jahres die Doku-Staffel „Aufräumen mit Marie Kondo“ publiziert. Der dahinterliegende jetzt gehypte Ausmist-Ansatz „KonMari“ greift aber zu kurz.

Für mich persönlich kommt die Sendung ein gutes halbes Jahr zu spät. Nach unserem kurzen Umzugsplaninteremezzo hatten wir beschlossen, nun doch noch länger in unserer kleinen Bude zu bleiben.

Aber um mich hier wieder wohl zu fühlen war klar, dass sich etwas ändern musste. Auf den 60 Quadratmetern hatte sich in 10 Jahren – davon gut 7 Jahre mit Mann und Katzen – einfach zu viel Kram angesammelt. Also haben wir das getan, was dank der Protagonistin in der Netflix-Sendung „Aufräumen mit Marie Kondo“ gerade so unglaublich populär ist – ausgemistet. Dabei sind wir keinen konkreten Regeln gefolgt, die KonMari-Methode war mir bis Anfang des Jahres auch gänzlich unbekannt. Aber witzigerweise wurden dabei genau die Punkte abgearbeitet, die Marie Kondo in ihrer Netflix-Sendung beschreibt:

  1. Klamotten
  2. Bücher
  3. Unterlagen
  4. Küche, Bad, Keller
  5. Erinnerungsstücke

Okay, den Keller haben wir ausgelassen, einfach weil er feucht und die Dinge darin unfassbar eklig sind. Daher dürfen sich darum unsere Zukunfts-Ichs und vermutlich eine Entrümpelungsfirma irgendwann einmal kümmern.

Ab gesehen davon fühle ich mich aufgrund der vergangenen Ausmistmonate, die ohne konkrete Methode oder Regeln erfolgte, aber dennoch erfolgreich war, kompetent genug, meinen Senf zur KonMari-Methode abzugeben. Denn (das verrät schon der Titel): Für mich greift sie zu kurz.

„Behalte das, was dich glücklich macht“

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Laut Marie Kondo können die Dinge behalten werden, die uns glücklich machen. Das klingt logisch, da der Messgrad „Brauchen“ ein trügerischer sein kann – schließlich kann man theoretisch alles irgendwann noch einmal brauchen. Den Mann machen aber z. B. in der Wohnung andere Dinge glücklich als mich (ja, dich sehe an, Miniatur-Delorian über dem Fernseher). Der Mann hingegen würde garantiert 80 % der Dinge, dir mir wichtig sind, ohne mit der Wimper zu zucken weggeben. Das ist nicht schlimm, da uns unterschiedliche Dinge etwas bedeuten, aber das kann ein Prozess und ein Ringen sein. So einfach wie er klingen mag, ist der Grundsatz dann also doch nicht. Vor allem, wenn tatsächlich Platzmangel herrscht.

Und: Ist „Glück“ ein verlässlicherer Gradmesser? Bei Erinnerungsstücken und vor allem in Bezug auf Eigentum wandelt sich das, was uns glücklich macht oder zufriedenstellt rasend schnell. Und muss uns wirklich jeder Gegenstand in der Wohnung Freude bereiten, wie die KonMari-Methode meint? (Ja, ich denke an dich, Pfannenwender Nr. 2). Manche Dinge werden schlicht und einfach gebraucht, sie werden aus Pflichtgefühl behalten oder aus sentimentalen Gründen – dadurch müssen wir uns nicht schlecht fühlen, aber Glück sieht vielleicht auch anders aus.

Ein weiterer Punkt: Die Anschaffungen wurden aus einem bestimmten Impuls heraus gemacht. Vermutlich sollten sie uns einmal glücklich machen, haben es eine Zeitlang vielleicht sogar getan. Und sie haben garantiert Geld und Ressourcen gekostet. Das spielt beim Ausmisten scheinbar keine Rolle mehr. Es wird nicht reflektiert: Warum dachte ich beim Kauf, dass es mich glücklich machen wird? Warum macht mich dieser Gegenstand nicht (mehr) glücklich? Diese nicht stattfindende Auseinandersetzung bei der KonMari-Methode dürfte kaum dazu beitragen, das künftige Konsumverhalten zu überdenken. Auch in der Serie wird das Thema nur kurz angerissen und außer Abbestellen von Newslettern kein Lösungsansatz geboten.

Hier greift der Ausmist- und Aufräumansatz in unserer Konsumwelt, in der mich jede Woche etwas Neues glücklich machen soll, zu kurz.

Dankbarkeit für die aussortierten Dinge hilft weiter – der Mülleimer niemandem

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Nach der KonMari-Methode soll man sich beim aussortierten Gegenstand bedanken, was vom Achtsamkeits-Ansatz her nicht verkehrt sein mag: die kleinen Dinge im Haushalt wertzuschätzen.

Da beim Ausmisten nach KonMari aber immer die Momentaufnahme zählt, scheint es keinen Platz zu geben für Überlegungen, wie sich aussortierte Dinge noch sinnvoll aufbewahren, weiterverwenden oder weitergeben lassen. Es werden keine Lösungswege abseits von Müllbeuteln aufgezeigt, wie aussortierte, funktionierende Dinge noch zu einer sinnvollen Verwertung zugeführt werden können.

Die letzten 6 Monate haben wie erwähnt wirklich viel aussortiert und ich habe mich auch endlich von vielen Dingen getrennt. Vieles landete in einem nur wenige Meter entfernten Spendenschrank. Dieser wird von einer freien Gemeinde betreut und ist – man muss fast sagen leider – immer gut frequentiert. Das zeigt, dass offenbar Bedarf an den Dingen herrscht, die wir aussortieren und möglicherweise, wenn es den Schrank nicht geben würde, einfach weggeworfen hätten. Wobei ich glaube, dass ich mich von vielen Sachen nicht getrennt hätte, wenn nur der Müll die Entsorgungsoption gewesen wäre.

Das macht mir also die Trennung von funktionierenden Dingen sehr viel leichter, weil ich das Gefühl habe, durch die „Spende“ 1. dem Gegenstand noch zu einem weiteren sinnvollen Einsatz verholfen zu haben und 2. durch den Spendenschrank vielleicht jemanden noch eine Freude gemacht zu haben, dem es möglicherweise nicht so gut geht. Lösungsansätze wie Fair-Teiler, Sozialkaufhäuser, Second-Hand-Läden, Tauschbörsen usw. usw. werden zumindest in der Serie nicht weiter thematisiert. Klar, das Weitergeben kostet auch wieder Zeit und Mühe. Aber sollte man es sich beim Wegwerfen wirklich so einfach machen?

Fazit: Bei den Gegenständen bedanken und dann ab damit in die Tonne: das wäre dann das „Wir können ja Freunde bleiben“ der Ausmist-KonMari-Methode.

Das vertikale Aufbewahrungsprinzip

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Klamotten und sogar Bettlaken werden nach Marie Kondo vertikal aufbewahrt. Das sieht schick aus, spart Platz und ist übersichtlich. Ich habe meine Kommode im o. g. Prozess auch ausgeräumt und die Dinge – zwar nicht vertikal – aber gerollt aufbewahrt, ein ähnliches übersichtlich, nebeneinander angeordnetes Prinzip.

Aber egal ob vertikal oder gerollt: Ratet mal, wie die Schubladenkommode nach 2 Wochen aussah. Richtig, nicht mehr so übersichtlich und aufgeräumt. Im Alltag und wenn es schnell gehen muss fehlt einfach die Zeit und Geduld für akkurates Falten oder Rollen.

Vor allem die Aussage man solle die Klamotten „mit Liebe zusammenfalten“ entbehrt im Alltag in meinen Augen jeder Grundlage. Der Ansatz kippt zeitlich wie nervlich spätestens dann, wenn ich mein Geschirr ob eines zu erwarteten Haushaltsgegenstands-Eifersuchtsdramas mit der gleichen Sorgfalt wie meine Wäsche behandeln möchte.

Ausmisten und Aufräumen ist wichtig – aber auch die Schritte davor sollten beachtet werden

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Keine Frage, Ausmisten und Aufräumen ist befreiend – das sieht man den Protagonisten der Serie an und das haben wir in den letzten 6 Monaten auch erlebt.

Allerdings fände ich es wichtig, das Prinzip ganzheitlicher anzugehen, nämlich schon in der Phase, bevor wir die Dinge anschaffen – die wir später möglicherweise wieder ungenutzt entsorgen. Also auf den Prüfstand zu stellen: Warum kaufen wir Dinge, die wir kaufen? Welche Mechanismen spielen dabei eine Rolle, neurologisch wie psychologisch? Oder die Werbung? All das, wie es dazu kam, dass die Dinge angeschafft wurden, bleibt unthematisiert.

Mit der KonMari-Methode lernen wir vielleicht, wie wir ausmisten und aufräumen, aber nicht, wie wir unser Anschaffungsverhalten in diesem Zuge grundsätzlich überdenken können.

Ganz nach dem Motto: Erst zum Konsum verführt werden, um dann Bücher zu kaufen oder Profis zu engagieren, um das ganze Angeschaffte zu sortieren und auszumisten.

So kann man das System auch am Laufen halten.